Freitag, 6. Dezember 2013

Nikolaus-Überraschung

Heute ist Nikolaus! Und aus diesem Anlass wollen wir euch eine kleine Überraschung präsentieren, um euch den Tag zu versüßen. Die Autorin Sabine Reiff hat extra für dieses Gewinnspiel eine wundervolle Kurzgeschichte geschrieben und tolle Gewinne spendiert.

Zusammen mit den Mädels von Die Schwestern Grimm.blogspot.com wollen wir diese verlosen. Unter den Gewinnen werdet ihr die Kurzgeschichte finden. Was ihr mit der Geschichte tun sollt, erfahrt ihr auf dem anderem Blog. Schnell nachsehen und teilnehmen. Schon morgen werden die Gewinner vorgestellt auf beiden Blogs.
Platz 1
Platz 2
Platz 3
Wir wünschen all unseren Lesern einen fleißigen Nikolaus 
und einen wundervollen Tag.


Der Hochzeitstag

In diesem Moment hätte ich vor Wut aus der Haut fahren können. Vielleicht fühlte ich mich auch nur unendlich ratlos. Nüchtern betrachtet wusste ich überhaupt nicht, wie ich meinen genauen Seelenzustand beschreiben sollte. Denn das Unverzeihliche, das es in all den Jahren, in denen wir verheiratet waren, nie gegeben hatte, war soeben geschehen: Er hatte unseren Hochzeitstag vergessen!
Daran bestand leider kein Zweifel, da er sich fröhlich lächelnd mit den Worten verabschiedet hatte: „Du brauchst nicht mit dem Essen auf mich zu warten, Liebes. Du weißt doch, heute ist Mittwoch.“ Wer immer ihm diesen Sportquatsch glauben sollte, ich tat es nicht!
Vor sechs Wochen hatte es abgefangen, seitdem fehlte er regelmäßig an zwei Abenden. Montags ging er angeblich ins Fitnessstudio, mittwochs stand Joggen auf dem Plan. Pech nur, dass er in der gesamten Zeit, nicht ein einziges Kilo verloren hatte. Das Gegenteil war der Fall. Umso verständlicher war es, dass diese dubiosen Abendtermine allmählich für mich zu einem Reizthema wurden. Denn für eine derart plötzliche Heimflucht gab es nur eine vernünftige Erklärung: Er hatte eine Montags-und-Mittwochsfrau, eine kochbegabte Maîtresse-en-titre. Ich brauchte nicht viel Fantasie, um sie mir vorzustellen. Schließlich lächelten sie mir täglich von irgendeiner Zeitschrift entgegen. Männerträume aus Fleisch und Blut mit makellosen Körpern, ellenlangen Beinen und einem Augenaufschlag, der die Polkappen zum Schmelzen und die Eisbären zum Aussterben brachten.
Das konnte nur noch ein Typ Frau toppen: Und zwar diejenigen, die mit vierzig kaum Falten hatten, immer noch straffe Brüste und einen, aus männlicher Sicht, wohlgeformten Po besaßen und die auf die Frage: „Wie machst du das bloß?“, kalt lächelnd antworteten: „Das liegt an meinen exorbitanten Genen, Liebes.“
Die waren wirklich gefährlich und genauso schwer zu bekämpfen wie Schildläuse an einem Oleanderstrauch, da ihr jungbrunnenartiger Genpool sie gegen das Altern resistent machte.
Ein Klappern am Briefkasten riss mich aus meinem Selbstmitleid. Im Augenblick war mir jede Ablenkung willkommen. Ich stürmte die Treppe hinunter und riss das Blechtürchen auf. Im Postkasten lag eine kleine gefaltete Karte mit der Überschrift: Liebe geht durch den Magen. Und im Innenteil stand: In unseren sinnlichen Kochkursen lernen Sie die außergewöhnliche Kunst, mit dem Gaumen zu verführen. Heute Infoabend mit besonderem Genießermenü ... überflog ich den Text.
Das konnte kein Zufall sein. Diese Botschaft war ein Wink des Schicksals. Mein Kampfgeist meldete sich zurück und ich war zur Gegenoffensive bereit. Ich brauchte nur zum Telefonhörer zu greifen und schon bald war ich in der Lage, meine unbekannte Rivalin mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Siegessicher wählte ich die Rufnummer und meldete mich an.

Danach musste ich mich nur noch für den bevorstehenden Abend neu erfinden. Eine Begegnung mit unzähligen Gleichgesinnten setzte nun einmal eine gewisse Vorarbeit voraus.
Mein erster Weg führte mich zum Friseur, wobei ich das Abend-Make-up spontan der vortrefflichen Visagistin vor Ort überließ. Später gönnte ich mir ein flottes Outfit, das mein erfrischtes Erscheinungsbild optimierte und mich um satte fünf Jahre jünger machte.
Wieder zuhause öffnete ich in einem Anflug von Selbstzufriedenheit die Flasche Sekt, die ich für den besonderen Anlass gekauft hatte. Etwas Mut für das bevorstehende Ereignis konnte mit Sicherheit nicht schaden. Ich schenkte mir ein und nippte am Glas. Anschließend trat ich prüfend vor den Spiegel, ohne mich wirklich wiederzuerkennen. Die Metamorphose war abgeschlossen, denn ich flirtete gerade mit dem perfekten Vamp.
Meine Zungenspitze benetzte karminrote Lippen, die einen unwiderstehlichen Schmollmund formten. Ich trank mein fast volles Glas in drei gewagten Schlucken aus, spürte die belebende Wirkung des prickelnden Getränks und verabschiedete mich mit einem glühenden Blick von meinem Spiegel-Ich.
Abenteuerlustig und ohne die Spur eines schlechten Gewissens erschien ich pünktlich bei der angegebenen Adresse; einem gepflegten Anwesen etwas außerhalb der Stadt. Ich hatte zwar noch nie gehört, dass es hier ein Restaurant oder Ähnliches gab, aber ich war gespannt, was mich erwartete.
Ein livrierter, attraktiver, schwarzhaariger Kellner empfing mich an der Tür, nahm mir den Mantel ab und geleitete mich galant durch die Eingangshalle in das Speisezimmer. Er bat mich Platz zu nehmen, bevor er wieder eilig entschwand. In der Mitte des Raums stand ein massiver Holztisch; im hinteren Teil hörte ich das Knacken eines Kaminfeuers. Neugierig schaute ich mich um. Vor dem marmorumrandeten Kamin entdeckte ich eine voluminöse Couch. Und ertappte mich postwendend, bei dem wehmütigen Gedanken, wie sehr ich mir wünschte, genau diesen Platz nach einem opulenten Mahl in den Armen meines Mannes einzunehmen. Aber derbevorzugte sehr offensichtlich andere Gesellschaft.
Ich seufzte stumm, während ich meine Augen wieder in Richtung des Tischs lenkte. Die Dinnertafel vor mir zierten drei nostalgisch anmutende Silberleuchter, deren Kerzen meine Umgebung in stimmungsvolles Licht tauchten.
Plötzlich wurde ich stutzig, denn mir fiel etwas auf. MeinPlatz war exquisit vorbereitet, doch es gab keine weiteren Gedecke. Das durfte nicht wahr sein. War ich etwa die Einzige, die so einen Kurs benötigte? Ich verbot mir jede Form von Missstimmung, schließlich hatte ich den ganzen Tag hart an mir gearbeitet. Und nichts und niemand konnte mich daran hindern, diesen besonderen Abend zu genießen.
Ein zweiter Kellner, diesmal ein gut gebauter, blondgelockter Kerl mit Schultern so breit wie ein Kleiderschrank, trat neben mich und bot mit einen Aperitif an. Ich entschied mich für einen Sherry, der, in Verbindung mit dem zur Vorspeise - sautierten Jakobsmuscheln - kredenzten Weißwein, meine angeheiterte Stimmung in eine neue Dimension hob.
Der Dunkelhaarige servierte den Zwischengang. Limettensorbet. Während das süß-säuerliche, halbgefrorene Fruchtmus Löffel für Löffel cremigzart auf meiner Zunge schmolz und meine Geschmacksknospen stimulierte, umschmeichelten gefühlvoll massierende Hände meinem Nacken. Ich schob das Sorbet zur Seite, schloss die Augen und erlaubte mir, mich zu fallen zu lassen.
Eine halbe Stunde später wurde der Hauptgang gereicht. Perlhuhn in einer höchst deliziösen Kapernsauce mit einem so zart gegarten Marktgemüse, das förmlich in meinem Mund zerging. Wer immer dieses Mahl zubereitet hatte, die Person verstand etwas vom Kochen. Und wenn ich ehrlich in mich hineinhorchte, war ich in der Zwischenzeit sogar froh, dass sich nicht noch mehr Teilnehmerinnen zu dieser Schlemmerpartie eingefunden hatten. Nur einen wünschte ich mir weiterhin an meine Seite, aber der hatte seit Wochen montags und mittwochs keine Lust mehr auf Gemeinsamkeiten.
Der blonde Kellner eilte herbei, um das Geschirr abzuräumen.
„Was gibt es denn zum Nachttisch?“, erkundigte ich mich rasch, aber unoriginell, bevor ich vollends in trübseligen Gedanken an vergangene Zeiten versank.
„Dessert Surprise“, antwortete er höflich, „und wenn Sie nichts dagegen haben, würde Ihnen unser Koch das Dessert gern am Kamin servieren.“
Ich hatte überhaupt nichts dagegen. Flinker als ich es mir selbst zugetraut hatte, wechselte ich den Platz und saß auf dem ausladenden Sofa vor dem knisternden Feuer.
Es dauerte nicht lange und der Dunkelhaarige war wieder zur Stelle.
„Bevor ich das Dessert serviere, bin ich vom Maître angehalten, Ihnen die Augen zu verbinden“, erklärte er mir, während er mir bereits ein weiches, wohlriechendes Seidentuch über die Augen legte. Kurz versuchte ich zu protestieren, doch der junge Mann ignorierte meinen Einwand.
Danach blieb mir nichts anderes übrig, als abzuwarten. Ich lauschte dem leisen Knacken der Glut und fühlte, wie mich die behagliche Wärme des Holzfeuers umschlang.
Eine Weile war ich allein im Raum, dann hörte ich Schritte. Sie näherten sich, jemand setzte sich neben mich auf das Sofa. Der Geruch des Feuers mischte sich mit dem Duft eines sinnlich-herben Herrenparfums, das meine Erinnerung noch kannte, aber meine Nase seit Jahren nicht mehr gerochen hatte.
„Das solltest du probieren“, flüsterte eine angenehm sonore und mir bekannte Stimme in mein Ohr.
Nein, das konnte nicht sein. Mein Gehör musste mir einen üblen Streich spielen. Die Stimme mochte ähnlich klingen, aber ...

Ich fühlte, wie sich ein Löffel an meinen Mund legte. Zögernd öffnete ich die Lippen und kostete. Mousse au Chocolate enthüllten meine Geschmacksnerven die locker, luftige Creme auf meiner Zunge. Ich wollte mehr.
Doch statt eines weiteren Löffels Mousse suchten plötzlich samtige Lippen meinen Mund. Während er mich küsste, legten sich zwei starke Arme um meine Hüften. Sachte zogen sie mich an den verführerisch duftenden Körper und wunderbar zärtliche Lippen bewegten sich meinem Hals hinab. Schon bald würden sie ganz andere Stellen erreichen. Genau in diesem Moment überfiel mich ein lähmend schlechtes Gewissen.
Schluss, aus! Ich konnte es nicht tun. Vielleicht war mein Mann dazu imstande, aber ich war es nicht. So sehr es mir auch schmeichelte, in diesem Augenblick begehrt zu werden, ich musste diesem Spiel ein Ende setzen, bevor es kein Zurück mehr gab. Entschlossen riss ich mir den Seidenschal von den Augen.
„Stopp!“, rief ich energisch. Weiter kam ich nicht, denn die Worte blieben mir wie ein dicker Klumpen Pudding im Hals stecken.

Neben mir saß mein Mann. »Alles Gute zum Hochzeitstag, Liebling«, sagte er lächelnd.
Ich öffnete den Mund, wollte etwas sagen, brachte aber lediglich ein gestammeltes „Du?!“ hervor. Die weitere Arbeit überließ ich meinem Verstand; der schien auf unerklärliche Weise mit einem Mal wieder messerscharf zu funktionieren. Die Ereignisse fügten sich auf einmal wie Puzzlesteinchen zueinander. Und mein Mann brauchte sich nicht weiter zu erklären, denn ich spürte, es gab weder eine Montags- noch eine Mittwochsfrau. Es gab nur ihn und mich und eine außergewöhnliche Liebe.


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